Gläserne Barrieren? Szenen neben und unter der Käseglocke 

Der Mann und ich unterhalten uns in der Küche (Sommer 2017)

Es geht um ein neues Familienauto bzw. die Finanzierung desselben.

Ich stöhne „Orrrr! Ist das dann genauso viel Papierkram, den wir wieder zusammen bei einem Termin ausfüllen müssen?! Das sind ja wieder 2 Stunden, die mit Hin- & Rückfahrt dafür drauf gehen“

Mann: „Ich weiss nicht… Mmmh. Eigentlich müsste das schneller gehen. Ist ja lange nicht so viel Kredit wie beim Haus.“

Ich: „Halt! Geht der Autokredit nicht auch wieder allein über Dich? Genauso wie es schon beim Bausparvertrag fürs Haus war? Da zählt doch auch wieder nur der, der Hauptverdiener ist, oder?“

Mann: „Könnte sein. Bestimmt! Du musst aber garantiert wieder als Ehefrau zustimmen.“



Szenenwechsel: Ich sitze mit den Kindern im Auto, wir sind auf dem Weg zur KiTa (Frühsommer 2017)

Bub: „Mama? Wir hatten doch mal Blumen auf dem Auto?“ fragt er ganz unvermittelt.

Ich: „Äh, ja mein Schatz. Das war letzten Sommer, da haben Mama und Papa geheiratet.“

Bub: „Ihr sollt nochmal heiraten, ja? Bittöööh! Und dann kommen nochmal Blumen aufs Auto, ja?“

Ich, lächelnd: „Ähm, nein mein Männlein, das geht leider nicht. Mama und Papa können nur einmal heiraten. Aber wenn Du später größer bist und einen Mann oder eine Frau ganz lieb hast, dann könnt ihr auch heiraten.“

Bub: „Und ein Baby will ich dann auch im Bauch haben!“

Ich muss lachen „Vielleicht, mein Männlein, vielleicht wird das später einmal gehen. Aber auf jeden Fall kann Deine Frau ein Baby bekommen. Momentan können nämlich nur Frauen schwanger sein. Aber später… wer weiss? Vielleicht bekommen später auch mal Männer Babys.“
Und ergänze im Stillen: Und nehmen ein Jahr Elternzeit. Verkürzen anschliessend auf Teilzeit und haben mehr Cheffinnen, die Vollzeit arbeiten. Oder alle Eltern arbeiten nur 30 Stunden. Oder oder oder…



Szenenwechsel: Im Arbeitszimmer, kurz nach der Hochzeit (Sommer 2016)

Mann: „Hier, unterschreibst Du das mal bitte? Damit wir die Lohnsteuerklassen wechseln können. Du verdienst ja eh weniger als ich und wegen Deiner Teilzeit sowieso. Da macht das wirklich Sinn, wenn wir das jetzt ändern.“

Ich: „Äh, dann bekommst Du aber noch mehr und ich noch weniger. Das ist doch voll unfair?“

Mann: „Aber steuerlich gesehen ist das doch viel besser! Wirklich!“

Ich: „Weiß ich ja. Aber… Und dann zahlst Du mir noch ein Taschengeld oder wie? Ich finde das voll doof! Und was ist mit meiner Rente? Die wird dann ja noch weniger, weil Du ja dann bestimmt noch viel weniger verkürzen würdest! Von „Viel“ geht dann ja auch viel weg!“

Mann: „Sollen wir jetzt tauschen oder was? Willst Du etwa Vollzeit arbeiten gehen? Wie stellst Du Dir das denn vor? Du verdienst dann aber immer noch viel weniger als ich jetzt. Ausserdem wollen wir doch bald ein Haus kaufen und umziehen! Und sowieso!“

„…“ Ich unterschrieb. Natürlich unterschrieb ich. Aber trotzdem!



Szenenwechsel: Zurück in die Küche zum Mann und zu mir, aber an einem anderen Tag (Frühling 2017)

Ich: „Du Schatz, wie machen wir das eigentlich im Herbst mit meinem Wiedereinstieg nach der Elternzeit vom 4. Kind? Ich habe ja dann anfangs 25 Stunden, die ich in Düsseldorf arbeite – wie stellst Du Dir das denn so vor mit dem neuen Haus in Stadtteil XY? Soll ich jeden Tag in der Woche pendeln? Aber für 5 Arbeitsstunden im Büro noch 3 Stunden in Bus und Bahn zu sitzen ist doch totale Zeitverschwendung! Rechne da mal meinen Stundenlohn drauf um!“

Mann: „Ja, da hast Du recht.“

Ich: „Also lieber 3 Tage arbeiten und 2 Tage frei oder wie? Dann müsstest Du an 3 Tagen die Kinder ab Nachmittags alleine managen und ich würde sie wohl nur morgens kurz sehen. Wenn ich dann abends immer erst nach sieben nach hause komme, sind die doch schon alle im Bett.“

Mann: „Das stimmt auch wieder.“

Ich: „Aber ich hätte dann aber 2 volle Tage zuhause, da könnte ich dann die ganzen Arztbesuche mit den Kindern machen, für die Du Dir nicht freinehmen kannst. Oder auch meine eigenen. Oder diese KiTa- Gespräche und mit Glück auch Weihnachtsfeiern und Sommerfeste und so. Und die Große könnte am neuen Wohnort wieder mit Tanzen anfangen. Das wäre irgendwie ganz praktisch mit 2 Tagen ohne Büro.“

Mann: „Mmmhh“

Ich: „Aber ob mein Arbeitgeber da mitmacht? Nur 3 Tage pro Woche anwesend? Und dann geht’s doch in den Winter rein… wenn die Kinder dann immer genau an meinen Arbeitstagen krank sind, dann bin ich wahrscheinlich ganz schnell weg vom Fenster. Du kannst ja kaum noch Kindkrank- Tage nehmen – das Haus hängt doch an Deinem Einkommen! Aber ob ich einmal gekündigt mit 4 Kindern was Neues finde? Wer stellt mich denn dann überhaupt noch ein?“



Damals, als es auf mein Abitur zuging, da hat mir keiner erzählt, zu welchem Nachteil mir mal meine Kinder werden könnten. Da hieß es immer nur, ich könne dies oder jenes werden und ich wusste selbst, daß ich einige Sachen zwar nur mit viel Anstrengung würde erreichen können, aber ich würde es schaffen. Fast alles könnte ich schaffen!

Ich sah zwischen mir und meinen männlichen Klassenkameraden oder Kommilitonen keinen Unterschied (allerhöchstens in Bezug auf Talent oder Vitamin B.), aber wie gesagt: Ich dachte immer, ich müsste mich nur anstrengen und ich könnte (fast) alles werden! So toll, oder?

Erst jetzt realisiere ich: Das war gelogen!

Denn dass meine Kinder zu einem Einstellungskriterium und auch meinen Lebensstandard als Rentnerin bestimmen würden, das hat mir keiner erzählt.

Dass man sich besser einen Beruf aussucht, bei dem man Anspruch auf verschiedene Arbeitszeitmodelle hat, wurde mir auch nicht als wichtiger Punkt bei der Wahl der Ausbildung genannt.

Stattdessen hieß es bei den möglichen Leistungskursen, bei der Studien- und der Berufswahl: „Schau, was Dir liegt, worin Du gut bist und was Dich interessiert!“

Nicht nur in der Schule, sondern auch in meinem Elternhaus hörte ich das. Meine totale Freiheit bei der Ausbildungswahl erkläre ich mir inzwischen so: Meine Mutter wurde von ihrem eigenen Vater sehr in eine bestimmte Berufsgruppe gedrängt und hatte dadurch sehr wenig Wahlmöglichkeiten bei ihrem Ausbilungsweg. Mein Vater studierte trotz schlechter Noten ein bestimmtes Fach, einfach weil er es super interessant fand. Leider fand das sein Vater überhaupt nicht unterstützenswert („Eine 4 hattest Du darin im Abitur!!! Und das willst Du studieren?!“) und so musste er als Student schauen, wie er über die Runden und vor allem auch halbwegs warm durch den Winter kam. Er brachte das Studium übrigens zuende und arbeitete bis zur Pensionierung in diesem Beruf.

Fällt Euch auf, daß beide Male die Väter entschieden hatten? Die Mütter (also meine Omas) waren im Haushalt tätig bzw. arbeitete die Mutter meiner Mutter nur Teilzeit und verdiente „etwas dazu“, kümmerte sich aber sonst um fast alles im Haus. Hauptverdiener und Bestimmer waren die Männer. Und damit auch die Altersvorsorge der Frauen.

Natürlich fand ich meine Entscheidungsfreiheit damals toll und kann auch meine Eltern verstehen, die mir alles offen liessen. Alles könnte ich werden! Ärztin oder Schreinerin oder doch lieber was mit Pharmazie? Im Gegenteil: ich fühlte mich fast überfordert mit den vielen Möglichkeiten und blätterte wochenlang in diesem grünen Buch, dass es damals als Übersicht über Ausbildungs- und Studiengänge von der Agentur für Arbeit gab.

Jedoch interessiert eine freie Wahl und auch ein guter Abschluss später keinen mehr, wenn man als Frau sogar mehrere Kinder hat. Selbst wenn man es schafft, im Bewerbungsgespräch um die genaue Anzahl herumzuschiffen – bei mir klappte das mit „meine Kinder sind in KiTa und Ganztagsschule bestens betreut!“ und jeder dachte, ich hätte nur zwei Kinder – spätestens aber beim Blick auf die Lohnsteuermerkmale kommt alles auf den Tisch. Bei mir sind das nun 2 ganze Kinder sprich vier halbe. Bämm. Würde mich damit überhaupt jemand einstellen?

Durch Hochzeit (Steuerklasse) und Hauskauf (Kreditvergabe) wird für mich alles noch verstärkt: Die Kinder sind allein „mein Problem“, nicht das meines Mannes – gleichberechtigte Elternschaft hin oder her. Finanziell bin ich mit mehreren Kindern einfach weniger wert – weil nach wie vor davon ausgegangen wird, daß ich beruflich zurückstecke und der Mann weiter arbeitet wie gehabt, durchgängig bis zur Rente.

Ich werde diejenige sein, die trotz 4 Kindern arbeitet.

Mein Mann ist derjenige, der arbeitet und 4 Kinder hat.

Daran hat sich immer noch nichts geändert.

Ich fühle mich eingeschränkt und reduziert. Ich war doch erst vor wenigen Jahren mit Kind und Vollzeitjob ganz allein für mein (finanzielles) Glück verantwortlich und hänge nun durch die Anzahl der Kinder und das gekaufte Haus so sehr von meinem Mann ab, daß ich mich beim Gedanken daran echt unwohl fühle. Natürlich kann ich separat vorsorgen. Sollte ich sogar. Las ich auch letztens wieder etwas zu. Versuche ich auch, doch das ist schwer (schwer in der Partnerschaft, schwer diese Mittel nicht doch anzutasten wenn es finanziell wo brennt).

Aber warum muss das so sein?!

Muss erst mein Sohn ein Baby bekommen, damit sich gesellschaftlich und politisch etwas ändert, so daß Mütter nicht automatisch zum Wenigverdiener werden beziehungsweise Väter viel leichter Hauptverdiener bleiben?

Und warum sagt man einem als Mädchen, es stünden einem alle Türen offen, wenn dann doch wieder so viele wieder zufallen?

Ist Mutterschaft zwingend eine berufliche und finanzielle Käseglocke und spürt Ihr sie auch, diese unsichtbaren Glaswände? Oder reagiere ich da über?


 

31 Gedanken zu “Gläserne Barrieren? Szenen neben und unter der Käseglocke ”

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