Transparenzhinweis: Für diese Rezension habe ich vorab ein unverkäufliches Leseexemplar des Buches erhalten
„Pina fällt aus“ ist am 26.03.2026 erschienen und der zweite Roman von Vera Zischke.
Schon vergangenes Jahr im Januar verriet Vera uns auf ihrer Wuppertaler Lesung zu „Ava liebt noch“ ein paar Details zu ihrem zweiten Buch – das ist nun endlich auf dem Markt und ich durfte es nicht nur vorab lesen, sondern Vera gestern Abend wieder auf ihrer Lesung treffen (ein grosses Dankeschön an meine Freundin, die mich damit zum Geburtstag beschenkte).
Doch worum geht es nun bei „Pina fällt aus“?
Es ist wieder eine Geschichte, die zeigt, dass wir einander brauchen.
Das Buch beginnt mit der Einführung von Pina und Leo, die ein ganz besonderes Band verbindet. Leo ist ein 20jähriger junger Mann, der in seiner eigenen Welt lebt mit seiner Mutter Pina, mittlerweile die beste und scheinbar auch einzige Expertin für Leo. Pina tut alles, damit Leo in unserer normalen Welt irgendwie bestehen und wenn irgendwie möglich auch ein wenig an-teil an ihr haben kann.
Das geht allerdings schon länger nicht mehr ganz so gut und so sehr Pina einfach weiter und immer nur weiter machen will, reicht ihr Wille allein nun nicht mehr aus: ihr Körper streikt und sie bricht plötzlich mitten auf einer Straßenkreuzung zusammen.
Aber wer kümmert sich jetzt um Leo?
Leo, dessen Diagnose kein einziges Mal im Buch genannt wird und die doch sonnenklar ist: Leo ist Autist. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Die Treppen geht er immer nur zwei Schritte vor und einen Schritt zurück. Und im allerschlimmsten Fall hilft nur der Kühlschrank. Ebenso sonnenklar ist auch: allein eine Diagnose sorgt noch lange nicht dafür, dass es Hilfe oder gar Lösungen gibt.
Die Abwesenheit von Leos Vater wird im Buch mehrfach thematisiert, aber nie gefüllt. Nun aber ist die Mutsch nicht mehr da und Leos Welt gerät aus den Fugen.

Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Da ist die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die sich am liebsten mit ihrem alter Ego online in einer Parallelwelt aufhält, da ist die lebensmüde Seniorin Inge in ihrem klein geschrumpften Altersradius und da ist der resignierte Einsiedler Wojtek, augenscheinlich angetan von Kristallfiguren, dabei steckt etwas ganz anderes hinter seiner Sammelleidenschaft.
Was sie und auch die Romanfiguren aus der zweiten Reihe dann doch vereint? Sie haben alle irgendwo ihre Fehlstellen, also Bereiche, in denen sie nicht funktionieren. Zwar nicht so ausnahmslos wie Leo, aber mehr als deutlich. Zola ist z.B. ziemlich gut in den falschen Dingen, Wojtek weiß nicht, wie man von Mensch zu Mensch redet und für Zolas Vater steht eigentlich die Arbeit immer an erster Stelle.
Aus einer anfänglichen Schockstarre entwickelt sich in diesem fahlgelben Mehrparteienhaus in der Hansastraße 22 dann ganz langsam etwas, das wie ein neuer Alltag aussieht. Währenddessen kommt Pina im Krankenhaus im Schneckentempo wieder auf die Beine und würde am liebsten schon gestern wieder damit weitermachen, was sie am Besten kann: Kämpfen. Aber auch jetzt reicht der eiserne Wille dafür noch nicht aus – zum Glück!
An dieser Stelle wollte ich dann gar nicht mehr weiterlesen um den Moment hinauszuzögern, das Ende zu kennen und das Buch aus der Hand legen zu müssen. Aber seid Euch versichert: Das Ende überrascht rasant und ganz anders, als man es erwarten würde!

Es geht in diesem Roman um etliche gesellschaftsrelevante Themen: Um Carearbeit und mental load, um Behinderung und daraus resultierende Isolation, um pflegende Elternteile und Hilfesysteme am Limit, um Anpassung und vor allem auch um einen Perspektivwechsel:
Wie gehen wir als Gesellschaft mit Menschen um, die unanpaßbar sind? Warum passen wir unsere Welt nicht besser an uns und unsere verschiedenen Bedürfnisse an?!
Dabei schlägt Vera trotz der Schwere der geschilderten Umstände einen meist lockeren Ton an, der auch so mancher Situationskomik nicht entbehrt, ohne daß dies den Figuren zuviel Profil nehmen würde.
Schon während der Lesung 2025 zu „Ava liebt noch“ hatte die Autorin verraten, dass sie selbst Mutter eines Kind aus dem neurodivergenten Spektrum ist und konnte uns nun in der Lesung zu „Pina fällt aus“ berichten, dass sich während der Entstehung dieses zweiten Romans das für ihre Familie notwendige Dorf so weit entwickeln konnte, um ihr als pflegendes Elternteil das Romanschreiben und z.B. auch damit verbundene Lesereisen zu ermöglichen. Wie toll ist das denn bitte?! Und ein weiterer Spoiler vorab: Roman Nr. 3 ist bereits in Arbeit und wird sich angeblich um eine Vera drehen…
Und für die Locals noch ein paar Hinweise:
Vera Zischke hatte nicht auf dem Schirm, dass es tatsächlich eine Hansastrasse in Wuppertal gibt. Veras bzw. Pinas Hansastrasse befindet sich allerdings in Oberbarmen und nicht in Elberfeld. Ganz bewusst hatte sich Vera Zischke allerdings für den Namen Pina entschieden, der hier ja eindeutig konnotiert ist. Die Autorin hat etliche Jahre in Wuppertal gelebt und sogar den ersten Auftritt des Tanztheaters nach dem Tod von Pina Bausch miterlebt. Für sie war die Romanfigur Pina bei Schreiben immer schon Pina, die sie allerdings wegen des Ortsbezugs dann vor Veröffentlichung des Buches in Pia umbenennen wollte – doch genau das fühlte sich dann ganz und gar nicht mehr richtig an und so blieb es bei bei „Pina fällt aus“.
Vera Zischke: Pina fällt aus | Roman | Hardcover mit Schutzumschlag | 288 Seiten
ISBN 978-3-471-37006-3 | Erscheinungstermin: 26. März 2026 | List Verlag





