Abschied, Tod und Trauer – wie macht man das als Mutter von 3 Kindern?

Es fällt mir nicht leicht, das hier zu schreiben, obwohl ich schon sehr lange im Kopf überlege, wie und was ich schreibe.

Und dass es mir gut tun wird.

Es bedeutet es zuzulassen und es noch ein bisschen realer werden zu lassen – „Wenn ich es keinem erzähle, ist doch nichts passiert, oder?“ Aber es ist nicht mehr wegzuschieben…

Mein Vater, mein über siebzigjähriger Vater liegt seit kurz vor Silvester im Krankenhaus. In den letzten Jahren war er zwar etwas schmaler und anfälliger geworden, aber er ist eben auch schon etwas älter. In den letzten Monaten aber ist er regelrecht verfallen. Ende September, als wir zum ersten Mal ein gemeinsames Familienfoto schiessen liessen, war es schon auffällig.

Ich ahnte damals schon, dass sich bald einiges ändern würde. Dass bald nichts mehr so sein würde wie früher. Es machte mir Angst. Und doch wusste ich, dass es der Lauf der Dinge sein würde.

Ein paar Wochen später Anfang November auf der diamantenen Hochzeit meiner Großeltern (mütterlicherseits) war er noch schmaler geworden und hatte in dieser Zeit schon erste körperliche Aussetzer. Aber zum Arzt gehen? Iwo! „Geht vorbei!“ sagte er. Wir bzw. meine Mutter mussten ihn regelrecht dazu zwingen, aber viel kam nicht dabei herum. Auffällige Blutwerte, Antibiotika, weitere Abstriche und dann brachen auch schon die Weihnachtsferien an. Gleichzeitig ging es los mit seiner Appetitlosigkeit.

An Weihnachten selbst wurde sein Zustand immer kritischer, so dass wir kurz danach einen anderen Arzt mit geöffneter Praxis anriefen. Meine Mutter bekam sofort eine Einweisung für ihn ins Krankenhaus.

Seitdem liegt er dort, ein Schatten seiner selbst. Wird künstlich ernährt, weil er gar keinen Hunger mehr hat. Nach Tagen sprachen meine Ma und ich endlich mit einem Arzt. Schnell bestätigte sich unser Verdacht, dass er lungenkrank ist. Das Wort irreversibel kam ins Spiel. Jahrelang 2 Schachteln Pall*Mall ohne Filter und zuletzt immer noch täglich ein gute Schachtel Zigarillos haben Spuren hinterlassen – schweres COPD (Raucherlunge). Zudem entschuldigte sich der Arzt häufig, es tue ihm leid uns das jetzt sagen zu müssen: Der Schatten im CT sehe sehr nach Knoten und damit nach Lungenkrebs aus. Keine große Überraschung für mich.

Ich war aber geschockt, meinen Vater so klein und zusammengekauert im Bett liegen zu sehen. Zufrieden mit seiner warmen Decke, dem Fernseher und dass man ihn in Ruhe lässt. Allerdings immer noch der Überzeugung, wieder auf die Beine zu kommen. Einfach das Thema zu wechseln, wenn es darum geht dass er dafür aber etwas essen muss.
Früher wusste er doch immer, was richtig und gut ist! Warum müssen wir ihn jetzt dazu überreden?
An anderen Tagen nuschelt er, liegt flach gekrümmt und wirkt auf mich wie ein schwaches Tier, dass sich am liebsten alleine in seine Höhle zurückziehen würde.
Ganz allein.
Um auf immer allein zu bleiben.

Begriffe wie Sorgevollmacht und Patientenverfügung wurden greifbar. Schlafanzüge wurden gekauft, ich brachte ihm unser Familienbild beim Besuch mit.

Der Schatten erwies sich als Knoten in der Lunge, dem man beim Wachsen fast zusehen kann und von dem wir seit dem letzten Samstag wissen, dass es definitiv Krebs ist. Die künstliche Ernährung, immer größere Schwierigkeiten einen Zugang zu legen, sein desolater Allgemeinzustand – Chemo oder OP sind unmöglich. Uns wurde gleichzeitig mitgeteilt, dass er nicht mehr auf die Intensivstation verlegt werden würde, sondern – wie gewünscht – im Fall der Fälle direkt ins Hospiz käme. Schmerzen hat er zum Glück keine.

Und jetzt? Jetzt ist es das erste Mal dass ich gerade richtig heulen kann.

Papa ist alt.
Er ist in den letzten Jahren immer älter geworden und hat sich natürlich verändert. Wurde schrullig, gar depressiv. Sprach immer öfter von der Vergangenheit, seinen Erlebnissen in der Nachkriegszeit. So prägend auch sein Elternhaus, seine schlechte Beziehung zum eigenen Vater. Er hatte zuletzt gar keine Kontakte nach aussen, zog sich zurück. Nun ist er ein richtig alter Mann. Der Kreislauf des Lebens. Er hat genau gewusst, dass er nicht gesund ist und es trotzdem nicht abklären lassen.

Und doch schiebt sich immer noch sei jüngeres Bild vor meine Augen. Als er mit uns Fahrräder reparierte, als er mir bei Hausaufgaben half, als er mein Held war. Stark und allwissend.

Ich weiss, dass ich Abschied von ihm nehmen muss, nur wie?

Was sage ich ihm? Sage ich ihm überhaupt noch etwas oder lasse ich ihn einfach in seiner Welt?

Und wo finde ich Raum, das als Tochter zu tun, wo mich doch als Mutter meine drei eigenen Kinder immer wieder daran erinnern, dass es noch etwas anderes gibt? Dass es richtig ist, ihn gehen zu lassen, dass seine Zeit bald gekommen sein wird?

Der Alltag in meiner eigenen Familie überlagert vieles, dazu der Kurztrip vor einer Woche nach Berlin – so lange im Vorfeld gebucht, mit großer Vorfreude fürs Tochterkind verbunden und doch eine anstrengende Zeit für mich. Kaum eine Minute allein hatte ich, war immer mit der großen Tochter zusammen. Der muss ich aber vieles erklären, ohne sie zu viel belasten zu wollen. Tränen wurden heruntergeschluckt, stattdessen Saftschorle gemacht und fürs Baby eine neue Windel.

Heute ist dann endlich wieder ihr erster KiTa- Tag nach den Ferien. Schon lange geisterte das Buch „Ente, Tod und Tulpe“ im KiTa- Regal in meinem Kopf herum. Heute lieh ich mir es aus, bekam noch ein weiteres empfohlen, erste Tränen liefen noch vor der Erzieherin und nun kann ich endlich etwas loslassen.

Hier. Und jetzt. Und nicht nur unten im Auto vor dem Haus.

Als Mutter trauert man also wenn die Kinder in der Kita sind und das Baby schläft.

Und dann kommen alle heim oder man muss los, man macht weiter irgendwie, denn eigentlich ist es so natürlich und das Leben ist jetzt in diesem Augenblick.

Das macht es einerseits schwer, und andererseits auch wieder leichter.

Die Männer kommen gerade vom EEG zurück, weil der Bub doch kurz vor Weihnachten in der KiTa einfach so vom Podest fiel. Ich muss leider los…


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