Tanzen gehen

Zuerst tagelanges Bangen, ob nicht doch noch jemand krank wird, auf der einen sowie der anderen Seite der Verabredung. Murphy hat wohl woanders zu tun, so dass der Kleiderschrank durchforstet (wo passe ich wieder rein und wo nicht?), die XXL- Handtasche gegen ein kleines Täschchen getauscht und *huschhusch* ein wenig mehr als sonst in den Schminktopf gegriffen wird. Schnell noch ein paar Tropfen Parfum, den Kindern und den Mann einen Abschiedskuss aufgedrückt und dann fällt die Haustür ins Schloss.

Durchatmen.

Handy, Geld, Kaugummis, Schlüssel, Taschentücher – alles dabei!

Auf dem Weg ein paar Gedanken, was wohl zuhause gerade geschieht, dann schon grosses Hallo – Küsschen, Küsschen! „Wie gehts Dir? Gut siehst Du aus! Wo gehen wir hin?“

Die Weinschorle wird auf den Bierdeckel gestellt, die Absätze haben sich fest im Barhocker verhakt, ein grosses „Cheers!“ und dann Lachen und Erzählen! Runterkommen vom Stress mit den Kindern, keine Gedanken an die Termine der nächsten Tage oder die piepende Spülmaschine, stattdessen ankommen im Hier und Jetzt. Smartphones liegen versteckt in Handtaschen, werden nur kurz herausgeholt, wenn jemand auf Toilette muss (Alles okay zuhause! Die Lütten schlafen. Viel Spass! Küßchen!) und dann kommt die Dämmerung. Das Dunkle umhüllt uns wie ein samtiger Schal. Leuchtreklamen glimmen auf, die Musik schallt immer lauter auf die Strassen und Gassen, die sich merklich mit Menschen füllen. Gesprächsfetzen von Nachbartischen, Bauchläden von jungen Jungesellinnen und gröhlende Männertrupps buhlen um Aufmerksamkeit.

Wenig später wird es Nacht.

Ein paar Schritte weiter und durch eine schmale Tür, dem Türsteher zunickend. Drinnen lautes Lachen, Menschengewühl, die Bar ist voll, die Tanzfläche auch, dazwischen ist nur wenig mehr Platz. Die Musik scheint direkt im Kopf zu sein, die Augen wandern über junge Männer mit gestählten Oberarmen (Wann haben die nur Zeit dafür? Achso, die haben bestimmt noch keine Kinder!), junge Frauen in unterschiedlichsten Outfits (Wie oft haben sie sich wohl umgezogen, bevor sie los sind?), an der Bar klirren und knacken Eiswürfel in Gläsern, Bierflaschen klocken aneinander, die Strohhalme in Longdrinks und Cocktails sind schwarz und dick, die Schnapsgläser beschlagen augenblicklich, hinter der Theke stehen Flaschen mit bunten Flüssigkeiten, ein jede mit einer anderen Verheißung etikettiert.

In der anfangs ungewohnten Anzahl von Menschen auf kleinem Raum stellt sich schnell ein Gefühl ein: Zuhause.

Als wäre man nach langer Abwesenheit wieder zurückgekehrt, ganz so als würde die Enge einen umarmen mit ihrem betörenden Duft nach verschiedenen Parfums, nach diversen Getränken und auch nach Kaugummi. Ganz fest und doch unsichtbar umhüllt sie wie ein dicker Mantel im Winter oder eine heisse Brise, die im Hochsommer in den Schatten herüberweht. Der Bass drückt sich in den Kopf und bumpert im Bauch, geht von dort direkt in die Beine; auf der Tanzfläche vibrieren die Hosenaufschläge vor der Box im gleichmäßigen Rhythmus, die Füsse können gar nicht mehr anders und der ganze Körper geht auf in der wogenden Masse, wird Teil von ihr und Teil der Musik.

Auf der Toilette ganz andere Szenen: Gesichter werden restauriert, Gespräche dabei über den Spiegel geführt „Meinst Du der Typ von letztem Samstag hätte sich mal gemeldet?! Pah! Der kann mich mal! Aber der Schnuckel am Nebentisch ist ja vielleicht süss!“, ein kurzer Blick aufs Smartphone (keine neuen Nachrichten), endlich eine freie Kabine und grinsende Freude über diesen kurzen Augenblick von Privatsphäre, ohne dass ein Kind alles anfassen muss. Beim Aufschliessen wieder neue Gesichter im Vorraum, manchmal auch ein grünes, manchmal ein tränenüberströmtes (wenn die wüssten, wie oft ich schon meinem Kind die Tränen trocknete oder Haare beim Kotzen hielt!). Schnell wieder zurück durch die Schwingtür, wieder überrascht von der ungewohnten und alles durchdringenden Lautstärke, zurück in die Masse.

Geld wechselt über der Theke den Besitzer, Wechselgeld wird durch eine einzige Handbewegung in Tip verwandelt, Bestellungen werden gerufen oder nur noch per kreisenden Handzeichen über leeren Gläsern aufgegeben „3 Mal neu Bitte!“ und manchmal auch die Bedienung angeflirtet. Sowieso jagen Blicke durch den Raum wie Pfeile, wenn man nur genau hinschaut. Haare werden lachend zurückgeworfen, mit falschen Wimpern wird geklimpert, Muskeln spielen unter kurzen TShirt- Ärmeln PingPong. Doch das ist gerade unwichtig; auf der Tanzfläche lockt der Beat, tanzende Lichter, mitgesungene Refrains, Hände in der Luft.

Ganz weit oben kreisen unsichtbar meine vier kleinen Satelliten (wenn die wüssten, dass ich 4 Kinder habe! Haha! Das glaubt mir doch niemand!), aber die Gedanken gehören irgendwie nicht hier hin. Die Zeit steht still und verfliegt doch viel zu schnell, gestohlene Zeit, bald schon ist die Nacht vorbei wie bei Cinderella. Die Kutsche ist beige, mit einem gelben Schild behütet und fährt sicher durch die tiefschwarze Dunkelheit.

„PschtPscht!“ murmelnd und sich mit einer Hand am Türrahmen festhaltend die Klackerschuhe ausziehen, die schicken verschwitzten Klamotten vom Leib pellen, kurz durchs Bad und dann in die weiche Horizontale, wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf einfangen. Leise Atemgeräusche der Liebsten, alles klingt ein bisschen dumpf, dazwischen Gedanken an die frischen Erlebnisse.

Schlaf.

Schwarz.

Viel zu kurz.

Patschehände im Gesicht und weiche Haare kitzelnd an der Wange. Belag auf der Zunge, Brummen im Kopf, ein flaues Gefühl im Bauch, Bibi und Tina im Ohr, der Duft von warmer Kinderhaut und wieder dieses Gefühl:

Zuhause.


 

5 Gedanken zu “Tanzen gehen”

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