Wie ich erkannte, dass ich irgendwie einsam bin {Gastbeitrag Petra von Allerleithemen}

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Über die Gastautorin:

autorengitter_allerleithemen

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich nicht einen Gastartikel schreiben möchte, dann finde ich das schon großartig. Wenn es dann so eine liebe Kollegin und reizende Mutter wie Fräulein Null.Zwo ist, dann freue ich mich 100 Mal so viel!

Also überlegte ich, über was ich schreiben wollte. Fräulein Null.Zwo ist inzwischen 4fache Mama. Zuletzt sah ich sie in Düsseldorf mit einem sehr sweeten Babybauch und trotz Sonnenschein und Wärme mit einem zufriedenen Gesicht und dann im September bei WUBTTIKA mit ihrem kleinen Sonnenkind.
Außerdem weiß ich, dass sie eine kurze Zeit lang alleinerziehend war und nun seehr glücklich liiert ist und kürzlich sogar heiratete. Sie liebt ihre Kinder, ich habe aber nie das Gefühl, es müsse sich alles nur um diese drehen.
Welch Thema passt zu so einer guten Bloggerin?

Ich wälzte Themen hin und her und fing dieses und jenes an. Alles unbefriedigend „4Fache Mutter, was schreibe ich Dir nur … etwas über Kinder? Ein Mutterthema? Alles irgendwie überflüssig, oder? 4 Kinder…?“

 

Ich will auch…

HALT STOPP! WAS?
Hatte ich gerade wirklich ein „Ich will auch“ gedacht? Ich, die all zu oft, gern und mit Nachdruck sagt, dass sie die perfekte Ein-Kind-Mutter ist? Mit meinem Lausbuben bin ich nämlich absolut zufrieden und glücklich (nicht, dass das andere nicht auch wären, aber ich konnte mir die Babyzeit für mich selbst eben nicht noch mal vorstellen!). Bisher war es auch für mich kein Problem allein zu wohnen. Im Gegenteil, ich liebe das! Was sollten denn diese Gedanken über Männer und Babys (nein nein, es war keine Biologische Uhr, da weiß ich, wie die sich anfühlt)? Und hastig schob ich sie zur Seite.
Durch einen etwas anderen Anlass geriet ich später noch mal ins Grübeln im gleichen Fahrwasser. Familie, das ist etwas tolles. Moment mal, sagte ich zu mir, du magst Kinder und klar möchtest du Familie, aber wie kommst du zu diesen Baby- und IchbraucheeinenMann-Gedanken?

Als ich mich traute diesen Gedankengang mal zuzulassen und sogar weiter dachte, erkannte ich, was sich dahinter verbarg. Zusammen mit einem Artikel in einem Magazin, mit Hilfe eines Gesprächs mit einer Freundin und leider mit einem Todesfall in der Familie letzte Woche machte doch mein Wunsch einen Sinn: Ich möchte Familie, weil ich (wieder Teil) eines Clans sein möchte!
Dann ergab so vieles, so so vieles einen Sinn – ihr könnt euch dieses AHA-Erlebnis überhaupt nicht vorstellen. Und was da alles Sinn gemacht hat! Nicht nur mein Gedanke von „ich will auch“, sondern bei genauerer Betrachtung könnte ich einige aufdringliche und auch banale Verhaltensmuster der letzten Zeit auf genau diesen „Wunsch“ zurück führen.

 

Hä? Wie jetzt? Clan?

Ja! In meinen ersten 25 Jahren war ich immer Teil einer Gemeinschaft. Hier mein Rückblick: Aus meiner Kindheit kann ich mich am ehesten an die Sommerferien erinnern. Wie ich dahin fieberte, dass meine Familie mit den elterlichen Geschwistern in Urlaub fuhren – wie sehr ich diese 3 Wochen zu 15 und mehr Personen genossen habe! In der Schule hat man dann ja immer irgendwelche Freundeskreise aber ich bin zusätzlich nahtlos in einen Verein eingetreten und das macht so manches mit dem eigenen Selbst. Man lernt den Zusammenhalt schätzen und hat eigentlich immer jemanden, der einen Auffängt. Während des Studium in der Nachbarstadt habe ich lange nach Anschluss gesucht und dann doch wieder in der Heimat mit einem festen Freundeskreis gelebt. So oder so, es war immer ein Kreis an Menschen um mich. Natürlich trat dort auch mal jemand aus, aber allein war ich nie! Selbst als ich von zu Hause auszog und mit meinem damaligen Freund lebte, hatte ich immer so etwas wie (s)eine große Familie neben der eigenen um mich.

Und dann wurde ich Mutter! Was die Gründung einer Familie werden sollte, endete ich einem Fiasko. Viele Freunde gingen (was aber auch am Alter liegt, wie viele mir inzwischen mitgeteilt habe) und die Familie war … verwundert. Die dazugewonnene Familie auf der Kindsvater-Seite war keine Familie, nicht mal annähernd. Durch die Selbständigkeit verarmte ich sozial etwas und auch der Verein musste schließen. Der Geldmangel tat sein Übriges. Zur Krönung trennten wir uns auf allen Ebenen und die heile Welt schien sehr weit weg.

Gemeinsam statt einsam | Foto: Petra Hamacher
Gemeinsam statt einsam | Foto: Petra Hamacher

Und jetzt? Bestandsaufnahme:

Erst als ich bloggte und einige, seeeehr liebenswerte Menschen über das Web kennen lernte, hatte ich wieder so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl (Blogger für Flüchtlinge war das Topping). Aber ein neuer Job nahm mir auch dafür die Zeit! Viel zu viele dieser Bekanntschaften kann ich nicht so pflegen, wie ich es müsste, was ich sehr bedaure und auch nicht weiß, warum das so ist.

Versteht mich nicht falsch! Ich habe eine Handvoll sehr, wirklich sehr sehr guter Freunde an meiner Seite. Jede einzelne liebe und schätze ich sehr. Aber sie sind… alle einzeln. Sie kennen sich, aber sie sind kein Clan.
Außerdem ist das Clan-Leben, wenn man über Deutschland verteilt lebt, eher so eine knifflige Sache. Spontan abends zusammen sein, das geht nur mit der Frau Nachbarin. Aber ich vermisse das! So so so sehr!
Ende Juli trugen wir meinen Onkel zu Grabe. Einen Teil meines Kindheits-Clans. Eigentlich sollte ich nun Clan-Oberhaupt sein und bin es nicht.
Ich kann mir weder einen Mann backen, noch eben Kinder bekommen (das schaffe ich nicht allein). Einen Verein gründe ich jetzt neben meinem Job auch nicht wirklich und zu guter Letzt sagte mir mein Sohn gestern „Mama, mit dir ist schön, aber können wir was mit Freunden machen?“
Fakt ist, bisher dachte ich, ich käme so ganz gut klar, aber seit Monaten merke ich eine immer mit ganz feinen Nadeln stechende Einsamkeit.

Nicole vom Artgerecht-Projekt predigt ja schon seit Jahren, dass Menschen nicht zu einem Einzelgängertum gedacht sind. Und auch Alexandra von Stark und Alleinerziehend verweist nur all zu oft auf das ach so berühmte Netzwerk. Warum ist das so? Darüber gibt es sicherlich ausführlichere Berichte und ganze Studien, aber in aller Kürze: Der Mensch lebte schon als Primat in Rudeln, unsere Vorfahren bis kurz nach der Antike (eine schwammige, eigene Aussage ohne Beleg, aber gern andere Meinungen erwünscht) in Gruppen. Sie waren es gewohnt, dass sie sich nicht 24/7 Nonstop um alles kümmern müssen; es gibt andere, die kümmern sich schon mit. Allein diese Aussage wird von den meisten Lesern bestimmt schon mit negativen Gefühlen wahrgenommen. „Bloß alles allein schaffen. Ja nichts an Verantwortung abgeben.“ Dabei haben schon kleine Kinder ein ausgeprägtes Gruppenverhalten intus. Ich hörte letztens das Beispiel, warum kleine Kinder nach einem Spielplatzbesuch erst nie weg wollen und dann immer auf den Arm wollen: Zum einen geht ja nie die ganze Spielplatzgruppe (für unsere Vorfahren undenkbar, dass die Gruppe sich trennt), was zum Protest führt und zum zweiten machen das unsere Verwandten im Urwald auch heute immer noch: Wenn die Gruppe sich in Bewegung setzt, werden die Kleinsten schnell auf den Rücken genommen, damit niemand zurück bleibt. Gruppe heißt Nähe und Achtsamkeit, Kinder fordern das! Und wir bringen ihnen mit Vorliebe bei, dass sie „sich mal allein beschäftigen sollen“ (um nur ein Thema anzuschneiden). Ein Grund, warum viele heute so sehr an Burnout, Depressionen oder „einfach“ an Kräftemangel leiden, nehme ich an. Vereine und Gruppen online wie offline (und sei es auch nur politischer Quatsch) haben im Gegentrend dazu gerade Hochsaison.
Ich schweife ab…

 

Jedenfalls. Ich möchte (wieder) einen Clan, aber ich weiß nicht wie?!

Vor 1,5 Jahren hätte dieser Teil meiner Erkenntnis mich in Depressionen gestürzt. Gott sei dank, weiß ich heute: ich habe Freunde und bin nicht allein. Ratlos bin ich dennoch. Und blockiert, denn Einsamkeit blockiert das Denken enorm.
Daher liebes Fräulein Null.Zwo: Ich finde es so großartig, dass Du Deinen Clan gefunden hast, dass Du Deine Großfamilie (furchtbares Wort) hast und ich kann mich mit dir über all das so sehr freuen, dass ich beschloss, Dir diese Gedanken als Beitrag zu senden! Habt eine unvergessliche Zeit als Familie <345!!! Ich werde gerne lesen, wie es bei euch weitergeht!


Und hier schreibt die Gastautorin eigentlich:

Blog: http://www.allerlei-themen.de/

Twitter: https://twitter.com/HamacherPetra


Und jetzt erzählt Ihr doch mal, geht es Euch irgendwie auch so? Wie sehr braucht Ihr einen Clan, würdet Ihr Euch das wünschen?

Versteht Ihr Petras Aha-Erlebnis?


2 Gedanken zu „Wie ich erkannte, dass ich irgendwie einsam bin {Gastbeitrag Petra von Allerleithemen}

  1. Ich habe einen Mann und seit neuestem eine Tochter. Ich liebe beide über alles und doch sind sie nicht genug. Ich habe keine richtige Freundin, nur Bekannte und auch die treffe ich eher einzeln. Ich hätte gerne wieder eine Clique wie früher. Ich mag es, wenn sich ein Haufen geliebter Menschen an einem Fleck befindet. Die Herzlichkeit. Die Dynamik. Aber als Erwachsene und dann auch noch zugezogen in einem kleinen Ort ist es schwer in vorhandene Kreise rein zu kommen. Vielleicht ergibt sich was durch meinen Engel. Die Hoffnung stirbt zuletzt…

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