Familienerbstück: Die Vier-Monatsklausel {Gastbeitrag}

Vor ein paar Tagen bat ich Euch um Gastartikel zum Thema Familienerbstücke:

Gibt es (ganz klassich) einen Gegenstand, der von Generation zu Generation weitervererbt wird?
Oder hat vielleicht ein körperliches Merkmal, eine Geste, ein Charakterzug, ein Spruch oder ein Ritual die Jahrzehnte überdauert?
Habt Ihr es sogar schon an Euren Kindern bereits wieder erkannt?
Oder gibt es vielleicht etwas, was Ihr selbst als Familien“tradition“ entwickelt oder angeschafft habt und hofft, dass es für Eure Kinder ein solches Familienerbstück wird?


Meine Leserin RonjaMama alias Kitty stammt direkt von der Küste, also da wo andere nur Urlaub machen. Sie ist Mitte 30 und hat nach Studium und Dissertation (eigenen Angaben zufolge) mit der Geburt ihrer Kleinen endlich angefangen etwas im Haushalt zu lernen ;)

Hier ist nun der erste Gastbeitrag zu #Familienerbstück :


Gerne würde ich einen Schrank als Erbstück mit mir herumtragen oder sonst ein schweres Möbelstück, aber manchmal ist eine Zahl fieser als die selbstgeklöppelte Leinentischdecke der Ururoma.

Wie bei uns auf dem Land an der Küste noch üblich, wohnten wir alle in meiner Kindheit „in de Neeh“ der restlichen Verwandtschaft.
Was zur Folge hat, dass ich als Teenager mehr mit Verwandten auf irgendwelchen Dorffeten tanzte, als mal jemanden kennenzulernen: „Uppem Dörp da möt dat halt so!“
Meine Oma, die natürlich direkt nebenan wohnte, sagte schon damals immer:
„Mädche, wenn een Jung di leev har, dann word de ok up di feer Monat worte“
(für alle nicht Plattdeutschsprechenden: „Kleines, wenn Dich einer mag, dann wartet der auch etwas bis zum Klammerblues“)
Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass mangels Masse und Zeit keine meiner ersten „Beziehungsversuche“ länger als 4 Monate dauerte.

Irgendwann so begann ich festzustellen, schlich sich diese Zeit in mein Leben ein und so entstanden die wirrsten Parallelen und chaotischen Zustände.
Denn Chaos, ja das können wir gut!

Nun kam es so, dass meine Oma im hohen Alter von 89 Jahren noch mal Oma wurde und ihr 21.tes Enkelkind geboren wurde (ja wir sind SEHR viele Verwandte!). Als der Kleine getauft war und ihn alle mal gesehen hatten (die armen Mütter damals!!), setzte sich Oma abends neben Opa aufs neue Sofa und sagte:
„Ach Franz, ich gloov ik sterv bold, de Kleene ist nun fast veer Monat old un du wisst ja wie dat is mit usre veer MonatsKlausel“
Und so kam es auch. Eines Samstagnachmittags, nach dem Kaffee, setzten sich beide hin und plötzlich meinte Oma zu ihm: “Frank, ich gloov ik sterv JETZT“
Mein Opa, schon immer staubtrocken vom Gemüt, erwiderte: „Mach leise, Sportschau läuft“
Und so stand Oma auf, kippte um und war zugleich tot. Opa war wenig geschockt und sagte allen nur, dass es ja wohl klar war, immerhin ist das letzte Enkelkind nun 4 Monate alt.

Und somit bestätigte sich wieder unser Erbstück oder auch Familienfluch, denn Oma war schon die dritte Generation bei der es so geschah.
Opa legte sich übrigens 4 Jahre später einfach ins Bett und beschloss jetzt sei es genug.
Sein Herz sah es genau so.

Als wir nun 2012 erfuhren, dass die Versuche meines Mannes und mir endlich „gefruchtet“ hatten (wir hatten eine lächerliche 4% Chance), kam aber auch das alte „Erbstück“ mir in den Sinn. Wir wussten, wenn diese Schwangerschaft gut enden würde, dass dieses, unseres Kind unser letztes sein würde.

Und ich bekam Angst.

Meine Mama, eine starke Frau genau wie Oma, war an Krebs erkrankt und hing oft zwischen Hoffen und Bangen in dieser unsteten Zeit. Als sie von meinen Umständen erfuhr, weinte sie vor Freude und aber auch Erleichterung, wie sie mit hinterher erzählte.
Die Chemo und die Operationen hatten sie so geschwächt, dass sie dem „lieben Gott“ (ja, auch noch gläubige Dörfler) geschworen hat, wenn er ihr ein Kind schenkt, so darf er sie zu sich holen.
Als nun meine Tochter geboren wurde, nahm sie alle Kraft zusammen, schnauzte meinen Vater herzhaft an und begab sich auf die stundenlange Autofahrt zu uns junger Familie ins Krankenhaus. Es war das letzte Mal, dass sie weiter als bis zum Arzt im Nachbardorf fuhr, aber es war ihr unglaublich wichtig, schließlich wollte sie wie es sich gehört ihr 4.tes weibliches Enkelchen gebührend begrüßen.
Als nun die goldene Hochzeit meiner Eltern und die Taufe der Kleinen gefeiert war, begaben wir uns, auf ihren Wunsch, in den Urlaub an einen anderen Ort der Küste.
Als nun der vierte Tag unseres Urlaubs kam, meine Kleine zeitnah 4Monate wurde, kribbelte in mir die Unruhe hoch.

Und leider bestätigte sich das Erbe.

Warum ich mich gemeldet habe um etwas zu „Erbstücken“ zu schreiben?
Ganz einfach: Der Tod meiner Mama jährt sich bald das zweite Mal und sie ist und war es wert erwähnt zu werden, also die Geschichte….
Und wenn jemand was über häkelnde Generation der alten Damen wissen will, die ihre meist beigefarbenen Platzdeckchen als Erbstücke weitergeben, dem schenk ich gerne eine… also Geschichte oder auch Platzdecke.


Liebe RonjaMama: Ganz herzlichen Dank für Deine bzw Eure Geschichte!!!

Hast vielleicht auch Du jetzt Lust auf einen Gastartikel zum Thema Familienerbstück(e) bekommen?
Dann melde Dich einfach bei mir: nullpunktzwo -ät- gmx -punkt- de


 

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