Patchwork

Gastbeitrag der Alltagsheldin: Patchworkfamilien

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Familie | Eltern | Patchwork, getextet | Gastbeitrag

Für ein bisschen Abwechslung vom Babythema und irgendwie auch passend zu meinem letzten Beitrag bzgl. Neuordnung eines Familiengefüges habe ich zu meiner großen Freude heute hier auf meinem Blog einen Gastbeitrag von der Alltagsheldin zum Thema Patchwork.

Wir kennen uns schon aus den Anfängen meiner Bloggerzeit – damals, als ich noch alleinerziehend war und gerade den Scherbenhaufen meiner gescheiterten Beziehung zusammengefegt hatte. Sie ist damit einer der ältesten virtuellen Kontakte in meinem „neuen“ Leben und längst nicht mehr nur virtuell :)

Die Alltagsheldin ist Jahrgang 1986, lebt selbst mit ihrem Kind aus einer früheren Beziehung und ihrem inzwischen langjährigen Freund in Patchwork in NRW und bloggt unter www.alltagsschrott.de über Ihr Leben zwischen Schule und Haushalt. Die Alltagsheldin hat nämlich nicht nur ihre mittlere Reife und das Fachabi nachgeholt, sondern bereitet sich aktuelle auf ihre Abiturprüfungen im Herbst diesen Jahres vor. Hut ab vor ihrem Pensum!

Hier also ihr Beitrag zum Thema:

Patchworkfamilien

sind keine Seltenheit in Deutschland. Momentan leben etwa 14% der minderjährigen Kinder in einer bunt zusammengewürfelten Familie, wofür der Begriff „Patchwork“ sinngemäß steht. Diese Form ist nicht neu, dadurch aber auch nicht einfacher zu handeln. Für die Mutter nicht. Für den Vater nicht. Am allerwenigsten aber für die Kinder.
Oft müssen sie mit dem Verlust eines Elternteils zurecht kommen, besuchen hoffentlich das andere Elter regelmäßig und finden sich in die Rolle mit einem Alleinerziehenden Elternteil ein. Und dann finden Mama oder Papa einen neuen Partner, wollen womöglich zusammenziehen und eine neue Familie entstehen lassen, vielleicht auch mit weiteren Kindern des Partners oder gemeinsamen. Doch die Kinder wollen vielleicht gar keine neue Familie, sie wünschen sich womöglich, dass ihre „richtigen“ Eltern zusammenleben. Geht das nicht, so wollen sie Mama oder Papa zumindest nicht teilen und können auch mit Ablehnung auf den neuen Partner reagieren. Kleinere Kinder sehen den neuen Partner dann als Bedrohung, größere reagieren mit Wut, Eifersucht, trotzen, sind zornig oder verspotten ihn.

Um dies zu vermeiden, stellen sich am Anfang einer Patchworkfamilie viele Fragen:
Wann stelle ich meinen Kindern den neuen Partner vor? Wie? Wann können wir zusammenziehen? Und welche Schwierigkeiten können auftreten? Wie meistern wir sie?
Ein Patentrezept gibt es dafür leider nicht, denn jede Familie ist anders, jedes Kind reagiert anders auf neue Situationen. Wichtig ist nur, dass sich die Kinder nicht übergangen fühlen und die Annäherung langsam und behutsam stattfindet. Reagieren die Kinder mit Ablehnung, so darf der neue Partner dies nicht auf sich persönlich beziehen, denn diese Gefühlsausbrüche sind „nur“ auf die Rolle bezogen.

Wie gewinnt man ein Kinderherz? | Ein Erfahrungsbericht

Die große Tochter war noch gar nicht so groß, als ihr Vater und ich uns trennten. Um genau zu sein erst 16 Monate alt. Zwischen uns lief die Trennung nicht ganz reibungslos ab und es gab viel Streit, unausgesprochene Vorwürfe und verletzte Gefühle.
Er selbst hatte recht zügig eine neue Beziehung, unsere Tochter besuchte ihn damals allerdings noch nicht, sodass dort zunächst keine Proteste entstehen konnten. Erst als sie mit etwa 3 Jahren anfing regelmäßig bei ihm zu übernachten und „die Neue“ kennen lernte, zeigten sich Konflikte. Die große Tochter war eifersüchtig und zeigte dies auch ständig. Wenn sie mit ihrem Papa kuschelte, wollte sie ihn für sich, schob die Freundin weg und machte deutlich, dass das IHR Papa ist. Die Freundin ihrerseits reagierte so falsch, wie sie nur falsch hätte reagieren können: auch sie war eifersüchtig, versuchte dazwischen zu kommen, dazuzugehören. Wirklich gemocht hat unsere Tochter sie nie und so war es nicht verwunderlich, dass sie von ihrer Trennung nicht sonderlich gerührt war.
Die folgenden beiden Partnerschaften des Papas lernte unsere Tochter damals sehr bald kennen. Sie brauchte Zeit, um die jeweilige Freundin zu akzeptieren und wieder gerne zu ihm zu fahren, besonders bei Frau No. 2. Diese hat einen etwas jüngeren Sohn, mit dem sie nicht zurecht kam und wo ständig Reibereien entstanden, da beide Kinder sehr unterschiedlich erzogen sind. Im Endeffekt besuchte sie ihn gegen Ende nur noch alleine, ohne Anhang seinerseits. Frau No. 3 hat einen 2 Jahre älteren Sohn. Anfangs zankten und stritten sie fast ausschließlich, gegen Ende akzeptierten sie sich gegenseitig, mochten sich vielleicht auch. Nach der Trennung verkündete die große Tochter, sie wolle den Papa nie wieder besuchen, denn er würde jedes Mal, wenn sie sich an jemanden gewöhnt habe, wieder ausziehen. Harte Worte einer mittlerweile 9-jährigen, doch ebenso verständlich. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet, die Fronten sind geklärt und sie wird ihn wieder besuchen. Demnächst.

Ich selbst blieb für etwa 2 Jahre Single, machte meine Ausbildung und konzentrierte mich auf mich und meine Tochter. Die neue Beziehung bahnte sich lange an und die anfängliche Angst, die große Tochter würde den neuen Partner ablehnen, verpuffte recht schnell. Sie schloss ihn direkt ins Herz, sprach und spielte viel mit ihm – trotz ihrer sonst üblichen, stark ausgeprägten Schüchternheit.
Als diese Beziehung zu Ende ging und er auszog, fragte sie allerdings kein einziges Mal nach ihm. Das wunderte mich sehr, andererseits machte es die Trennung auch einfacher.

Da ich, besonders zu Beginn, nicht wusste, wie sich die Beziehung mit dem Liebsten entwickeln würde, wollte ich den ersten Kontakt zwischen meiner Tochter und meinem Freund lieber langsam und vorsichtig angehen.
Sie lernte ihn als einen Freund aus meinem Freundeskreis kennen. Anfangs holte er uns Zuhause ab und wir fuhren in einen nahe gelegenen Park. Wir spielten gemeinsam auf dem Spielplatz, tobten und lachten. Diese Ausflüge wiederholten sich, bis er mal zum Mittagessen, zum Abendessen und dann über Nacht blieb. Zuvor kam er spät und ging, bevor sie wach wurde – das Versteckspiel fand ein Ende.

Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. Der Liebste zog nach knapp einem Jahr zu uns, ein weiteres Jahr später zogen wir gemeinsam in seine Heimatstadt, die große Tochter fand Freunde, wurde eingeschult und hat ein festes Standing. Sie hat ein inniges Verhältnis zu meinem Vielleicht-irgendwann-Mann und kann sich in unserer Patchworkfamilie fallen lassen. Doch bis hierhin war es, trotz aller anfänglichen Vorsicht, ein langer Weg.
Die große Tochter mochte den Mann von Anfang an, war aber auch reserviert ihm gegenüber. Sie schloss ihn nicht von heute auf morgen ins Herz. Es  brauchte Zeit, bis sie auch ihm gegenüber so offen war, wie sie es bei mir ist. Zu Beginn zeigte sie häufig Eifersucht, war weinerlich und sehr anhänglich. Sie mochte nur ungerne in den Kindergarten gehen und wäre am liebsten den ganzen Tag bei mir geblieben. Sie sprach oft von ihrem Papa, schlug immer wieder vor, er könne doch auch zu uns ziehen und alles wäre gut. Mit viel Geduld, Erklärungen und Verständnis gab sich dieses Verhalten nach und nach. Wann genau es aufhörte, kann ich rückblickend gar nicht sagen, irgendwann war es einfach wieder gut und sie akzeptierte es so, wie es war.
Aber auch für den Liebsten war die Situation nicht ganz einfach. Er wurde quasi von jetzt auf gleich in die Rolle des Vaters geschmissen – für eine 5-jährige. Er hielt sich zu Beginn natürlich stark zurück, Erziehungsfragen klärte ich, doch nach und nach musste auch er Entscheidungen treffen, Antworten geben und Grenzen setzen. Auch heute noch testet die große Tochter letztere – besonders bei ihm – stark aus. Ihm gegenüber ist sie launischer, aufmüpfiger, empfindlicher, lauter. Sie diskutiert mehr, wird öfter laut oder fühlt sich ungerecht behandelt. Sie spielt uns gegenseitig aus, versucht es zumindest, gemeinsam sind wir <em>blöde Eltern</em> oder einfach nur unfair. Andererseits tobt sie aber mit dem Liebsten besonders ausgelassen, liebt es, mit ihm Gesellschaftsspiele zu spielen, vertraut ihm und lässt sich fallen. Sie korrigiert niemanden mehr, der ihn als ihren Papa betitelt und hat Höllenlaune, wenn er mal für längere Zeit weg ist, Schichten hat, in denen sie ihn wenig sieht oder wenn er beim abendlichen ins Bett bringen nicht dabei sein kann.

Patchwork
Patchwork – mehr als nur zusammen leben

Der Lernprozess ist aber dennoch nicht abgeschlossen, täglich lernen wir alle aneinander, müssen uns unsere Rolle in der Familie bewusst machen. Wir schaffen Exklusivzeit. Für mich mit der großen Tochter. Ebenso aber auch für den Liebsten mit der großen Tochter. Diese fordert sie auch ein, wünscht sie sich und genießt sie sehr.

Das wohl beste Kompliment der großen Tochter ist, dass sie immer sagt, sie habe zwei Papas. Den einen sieht sie ab und zu bei den Besuchen und der andere ist täglich für sie da. Auch wenn sie ihn manchmal blöd findet.

 

Sobald ich wieder etwas mehr Zeit und Muße habe, möchte ich Dir mit einem eigenen Artikel antworten.

Vielen lieben Dank an die Alltagsheldin!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.